Spannend waren für die Kubaner die letzten Monate vor dem 80. Geburtstag Castros. Denn erstmals wurde nun auch auf der sozialistischen Tropeninsel die Frage um das Erbe und die Nachfolge des greisen Revolutionsführers von staatlicher Seite aufgegriffen. Schneller als gedacht könnte nun Castros Darmoperation die Szenarien vom Übergang Wahrheit werden lassen.
Zunächst einmal verlief alles wie geplant: Die Amtsgeschäfte übernahm formal Fidels fünf Jahre jüngerer Bruder Raúl. Ihm zur Seite stellte Fidel linientreue Technokraten wie Vizepräsident Carlos Lage, der zusammen mit Zentralbankpräsident Francisco Soberón und Außenminister Felipe Pérez Roque die Finanzen kontrollieren wird. Die Schlüsselsektoren Gesundheit und Bildung werden von José Ramón Balaguer, Ramón Machado Ventura und Esteban Lazo betreut.
Für die Übergangsphase auf Kuba zeichnet sich damit eine Art Kollegiallösung ab. Sollte es ernst werden, dürfte aber auch dieses Kollegium nur ein Provisorium sein. Die Geschichte habe gezeigt, dass Diktaturen nach dem Tod eines großen Führers in eine Krise geraten, sagte der Analyst Andres Oppenheimer, der davon ausgeht, dass diese Gruppe ein paar Jahre regieren und einen Wechsel einleiten wird. Das sei schon durch das hohe Alter Raúls bedingt.
Nach Castros Tod dürften zudem die Differenzen zwischen den kommunistischen Hardlinern, die bisher das Sagen haben, und den Reformern, offen aufbrechen. Zudem bezeichnet sich die Mehrheit der Kubaner zwar als Fidelisten, nicht aber als Sozialisten, was neben der Dauer-Wirtschaftskrise das Überleben des Systems infrage stellen könnte.
Den Dissidenten droht aller Wahrscheinlichkeit nach ein ähnliches Schicksal wie den Schlüsselfiguren des DDR-Widerstands. Sie sind zu sehr isoliert und untereinander zerstritten. Es sind zwei benachbarte Staaten, von denen Kubas weiteres Schicksal mitbestimmt wird: die USA, die seit vier Jahrzehnten ein Handelsembargo gegen Kuba verhängt haben und wo mehr als eine Million castrofeindliche Exilkubaner leben, und Venezuela, dem wichtigsten Verbündeten in Lateinamerika. Chávez ist zweifelsohne Castros geistiger Ziehsohn.
Außerdem hängt die Insel am Tropf der verbilligten Erdöllieferungen aus Caracas. Daher wird Chávez in der Übergangsphase ein Wörtchen mitreden wollen - die Frage ist, inwieweit die neue kubanische Führung willens ist, das zu akzeptieren.
Die USA haben zahlreiche Pläne für den Tod Castros ausgearbeitet, sogar über eine Invasion wurde spekuliert. Dem jüngsten Vorschlag zufolge soll die Bevölkerung massiv durch humanitäre Hilfe unterstützt und auf demokratische Wahlen und Marktwirtschaft gedrängt werden. Doch selbst den Dissidenten sind die US-Pläne zu unilateral. Um eine Zusammenarbeit werden beide Seiten wohl nicht herumkommen. Die USA wollen weder Flüchtlingswellen noch einen Unruheherd.
Und die Kubaner fürchten, dass sie von Brüdern aus dem Exil überrollt werden, die mit ihren Dollars alles aufkaufen und ihren einstigen Besitz zurückfordern - diese Furcht könnte eine Stütze für die kommunistische Kollegialregierung sein.
(Sandra Weiss, DER STANDARD, Print, 2.8.2006)
Raul Castro - Kubas Zukunft?
Raul Castro gilt als weniger charismatisch, dafür aber erheblich radikaler als sein älterer Bruder Fidel. Als zweiter Mann Kubas steht er schon lange in den Startlöchern.
Bereits in jungen Jahren engagierte sich auch Raul Castro im Kampf gegen den kubanischen Diktator Batista. Er beteiligte sich am 26. Juli 1953 zusammen mit seinem Bruder am Überfall auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba. Dieser wurde von den Truppen des Regimes niedergeschlagen. Raul Castro wurde zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, kam aber bereits nach zwei Jahren im Zuge einer Generalamnestie im Mai 1955 frei und ging ins mexikanische Exil. Anderthalb Jahre später kehrte er mit seinem Bruder und 81 weiteren Mitstreitern nach Kuba zurück, um erneut den Kampf gegen Batista aufzunehmen. Einige Monate nach dem Sieg der Rebellentruppen am Neujahrstag 1959 wurde Raul Castro zum Verteidigungsminister Kubas ernannt - ein Amt, das er seitdem innehat. Zuvor hatte Fidel ihn bereits zu einem seiner Nachfolger als Ministerpräsident bestimmt und verkündet: "Hinter mir sind andere, die radikaler sind als ich."
Radikaler als der Bruder
Im Gegensatz zu seinem Bruder galt Raul Castro bereits früh als bekennender Sozialist. Bereits während seines kurzen Studiums der Sozialwissenschaften an der Universität von Havanna schloss er sich der Moskau orientierten "Juventud Socialista" an. Während Fidel Castro zunächst gemäßigt blieb und ein Art Bindeglied zwischen der Revolution und den bürgerlich-liberalen Bewegungen darstellte, forcierte Raul schon früh zusammen mit Ernesto "Che" Guevara die Hinwendung Kubas zum sozialistischen Lager. So nahm er 1960 eine Ostblock-Reise zum Anlass, die Sowjetunion und China als die wahren Freunde Kubas zu bezeichnen. Nach der gescheiterten Invasion in der "Schweinebucht" durch US-gestützte Exilkubaner kam es 1961 zu einer deutlichen Anlehnung Kubas an die Sowjetunion. Durch ein von Raul Castro vereinbartes Militärabkommen kam es ein Jahr später zur Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba, was schließlich in der Kubakrise mündete und das Verhältnis zu den USA endgültig verschärfte. Als Chef der Streitkräfte war Raul Castro außerdem tief in das kubanische militärische Engagement in den 1970er-Jahren in Angola und Äthiopien verwickelt. Zudem sorgte er in Kuba mit Sondereinsätzen und wirtschaftlichen Initiativen des Militärs dafür, den Zusammenbruch der Wirtschaft nach Auflösung der Sowjetunion 1991 zu verhindern.
"Jünger und energischer"
Raul Castro entwickelte sich vom Mitarbeiter mehr und mehr zur rechten Hand seines Bruders und wurde 1972 auch formell zum 1. Stellvertreter des Ministerpräsidenten ernannt. Seit 1960 war er bereits einer der Vize-Ministerpräsidenten des Landes. Auch innerhalb der kommunistischen Partei Kubas rückte Raul Castro als 2. Sekretär des Zentralkomitees an die zweite Position nach seinem Bruder. Obwohl Fidel mehrere Personalwechsel vollzog, blieb Rauls machtpolitische Position stets unumstritten. Berichte über schwerwiegende Differenzen zwischen den Brüdern erwiesen sich als haltlos. Im Oktober 1997 bestätigte Fidel Castro seinen Bruder erneut als seinen Nachfolger und erklärte: "Raul ist jünger, energischer als ich. Er kann auf mehr Zeit zählen."
Auch Rauls biologische Uhr tickt
Die Verfassung will, dass Raul Castro als erster Vizepräsident des Staatsrats der Stellvertreter des Staatchefs im Falle von "Abwesenheit, Krankheit oder Tod" ist. Ob er es im Falle des Ablebens seines Bruders lange bleiben wird, ist umstritten. Denn während Fidel nach wie vor in breiten Bevölkerungsteilen als charismatischer Revolutionär große Beliebtheit genießt, gilt Raul Castro eher als blasser Funktionär. Wie es unter seiner Führung weiter gehen wird, ist nicht klar. Vor drei Jahren gab er in Richtung Washington die kryptische Empfehlung aus, man sollte versuchen, das Verhältnis zu Kuba zu entspannen, solange "mein Bruder an der Macht ist". Partei-intern sind die wichtigsten Konkurrenten ausgestochen. Doch wie auch sein Bruder hat der 75-jährige Raul Castro ein Problem: das hohe Alter.