Reisebericht von Jürgen

Kubareise vom Januar 2001


....Donnerstag, 4.1. 21.15 Uhr. Mein Zug fährt in Bad Malente ab, der 6. Kuba-Urlaub beginnt. In Lübeck treffe ich auf Joachim, mein Reisepartner, für ihn der 1. Kuba-Urlaub. Gegen 04.30 Uhr treffen wir in Düsseldorf ein, Abflug mit LTU gen Holguin gegen 11.15 Uhr. Im Flugzeug leeren Joachim und ich eine Flasche ron, unterhalten uns lang und breit über Kuba, St. Lucia, Gott und die Welt. Gebucht hatte ich den Flug und 2 Wochen Hotel Tararaco in Stl. Lucia (mit HP). Joachim das Mayanabo (all-inclusiv)) in St. Lucia.
Holguin airport, Freitag nachmittag. Auschecken kein Problem. Joachim nimmt den Touribus nach St. Lucia, ich steige in ein offizielles Taxi, nach zähen Verhandlunge will mich der Fahrer für US $ 100,-- nach Florida (ca. 50 km westlich von Camagüey) bringen. Dort wohnt meine
"Familie" . Ich bin Patenonkel vom kleinen Sohn meines besten Freundes Roberto. Im Taxi schlafe ich ein, benebelt vom ron aus dem Flieger. In Camagüey, es ist längst stockdunkel, wache ich auf. Hinter mir sitzt eine bildhübsche chica. Der Fahrer grinst, meint, es wäre seine Freundin, er hätte sie in Camagüey abgeholt. Mir egal. Nach ca. 4 Stunden Fahrt kommen wir in Florida an. Riesenbegrüßung, für die Familie ( alle haben frei, keiner muß arbeiten ) wie Weihnachten. Geschenke ausgepackt, Medizin, Klamotten, wer es kennt, weiß, wovon ich spreche. Roberto, die Kinder (3), Mutter, Vater, Bruder, Schwester mit Ehemann, Robertos neue Freundin Josefa, alle freuen sich riesig, Umarmungen nehmen kein Ende.
Gegen 22.00 Uhr wollen Roberto und ich noch in Ruhe ein Bier trinke. Chica für mich wäre noch keine da. Macht ja nichts, eh schon spät, ich bin benebelt, habe eine mittelschwere Grippe, Husten, die Nase läuft pausenlos, es ist kalt, windig, regnerisch. An der gasonlina-station trinken wir ein paar Bier, nun bin ich fast voll. Auf dem Weg nach Hause stolpere ich in der Finsternis, falle in ein Matschloch. Roberto grinst, zieht mich raus, Mama kriegt das wieder hin. (Roberto spricht englisch mit mir, alle anderen sprechen kein englisch, meine Spanischkenntnisse beschränken sich auf das Notwendige). Ausschlafen.

Samstag, Frühstück. Mama brät Eier, es gibt das typische cubanische Weißbrot und starken Kaffee. Meine Grippe wird immer schlimmer. Alles habe ich dabei, nur keine Antibiotika, Mist. Gegen Mittag wird es voll auf dem kleinen Balkon. Drei chicas sind gekommen, gucken mich neugierig an. Dabei ist Rosi, 32 Jahre, Traumfigur, jünger aussehend, ca 1,74 (so meine Größe), tiefer Blick in die Augen, wir war klar, das ist sie, keine andere. Eine Stunde später kommen wir uns näher. Sie ist die beste Freundin von Robertos neuer Freundin, Josefa, beide arbeiten in Florida im gleichen Krankenhaus. Aus dem cd-player (1997 von mir mitgebracht) plärrt pausenlos Bob Marley, Reggea-Musik, volle Pulle, den ganzen Tag, wie jeden Tag. Volle Pullen auch dem Tisch, Jürgen (man nennt mich dort Pieter, weil Jürgen kaum einer aussprechen kann, abgeleitet vom Nachnamen Peters). Während die Frauen das Abendessen bereiten, hauen Roberto und ich rein (ron). Später bleibt Rosi wie selbstverständlich bei mir. Ich habe wie immer mein Zimmer, meine offizielle Aufenthaltsgenehmigung (weiß der Kuckuck, wie Roberto das immer anstellt, aber der, der mir die Genehmigung ausstellt (mit Dienstsiegel) ist ein Halbbruder von Roberto, war früher in Florida ein ranghoher Polizist, jetzt verantwortlich für den ganzen Distrikt. Mir kann nichts passieren, ich bin offizielles Familienmitglied. Auch die Urkunde von der Kirche (nach einem Jahr) für die Patenschaft liegt jetzt vor mir. Ich bin froh, stolz. Rosi ist eine phantastische Frau, wir beide erleben eine wundervolle erste Nacht, wobei ich auf all die Kosten komme,
von der man hier in Alemania immer nur träumt . Das bleibt auch die nächsten 3 Tage so. Ich bin begeistert, Daniela, meine Freundin aus Amancio vom Vorjahr (davon wird noch die Rede sein) ist völlig vergessen. Nach Rosi kommt nicht mehr viel.
Die Tage vergehen wie im Flug, das Wetter bleibt bescheiden, an Strandbesuche (ca. 40 km an die Play de Florida) nicht zu denken. Ich bin weiter grippegeschwächt. Zu Mittwoch, 10.1. bestelle ich mir ein taxi particulare nach St. Lucia. Schließlich habe ich für den blöden Schuppen Tararaco 2 Wochen HP bezahlt. Tamara, die Chefin, ist per e-mail informiert, daß ich erst am 10.1. einchecken will. Taxista kommt pünktlich, wir einigen uns auf US $ 35,--. Roberto kommt mit, Rosi will mit, aber ich sage ihr, in St. Lucia
wäre es zu gefährlich für sie, Verhaftung droht . Sie ist traurig, versteht mich aber, die ganze Situation wegen des bezahlten Hotels. Sie warte auf mich. Schweren Herzens rauschen wir ab. Gegen Mittag treffen wir im Tararaco ein. Nach dem Einchecken (ich bekomme mein Wunschzimmer mit der No. 305) fahren Taxista und Roberto zurück nach Florida. Nachmittag Besuch beim Rapido: Erster Eindruck: Schlimmes Gesocks, wie immer, Nutten (neu aus Argentinien), Zuhälter, die übliche Anmacherei , Bettelei um US $, für Taxi, Bier, Zigaretten, was weiß ich. Mir geht das auf den Keks.
So, nun gehts weiter:
Immer noch Mittwoch. Ich besuche eine befreundete Familie, werde eingeladen zum Essen. 2 riesige Puter drehen sich über dem Feuer. Aber wegen meiner Grippe haue ich bald wieder ab. Abends im Rapido treffe ich auf Joachim, wir trinken ein Bier, gegen 20.00 Uhr gehe ich rüber auf mein Zimmer. Vorrat an Taschentüchern schmilzt. Gegen 04.00 Uhr wache ich auf, kann nicht mehr schlafen. Scheiß-Zeitumstellung, immer noch nicht verkraftet. Gucke Fernsehen, saufe ron mit Cola, alles piwarm, egal. Es wird hell, ich gehe kilometerweit am Strand laufen, kein Mensch so früh unterwegs. Zurück im Hotel wird mir mitgeteilt, Frühstück erst ab 08.00 Uhr, Abendessen bringt der Koch aufs Zimmer, weil so wenig Gäste anwesend würde sich das Öffnen des Restaurants nicht lohnen.
Frühstück schwach: Kaffee, etwas Obst, zwei ScheibenToast mit Käse und Schinken. Tararaco eben. Gegen 10.00 Uhr zum Rapido, Warten auf Joachim, aber der läßt sich nicht blicken. Gegen 11.00 Uhr kommt mein Freund Leonel, wir trinken ein paar Bier, ich werde wieder eingeladen , aufs Land, Spanferkel am Spieß . Ich sage zu, habe eh nichts besseres vor. So um 13.00 Uhr kommt sein Bruder, riesiger Kerl, spricht gut deutsch, ist mit einer Amerikanerin verheiratet. Zusammen mit ihm fahren wir aufs Land, ca. 15 km von SL entfernt. Ein Haus in einem derartigen Zustand mitsamt Grundstück, total verdreckt, es sieht aus wie nach einem Bombentreffer der Alliierten, hatte ich so selbst in Cuba noch nie erlebt. Hunde, total verdreckt und verlaust, angebunden an einer kurzen Leine, überall Dreck, Müll und Schrott. Ein großes Schwein wird fleißig über dem Feuer gedreht. Ca. 25 Leute, eine cubanische Großfamilie. Obwohl alles so vergammelt und verrottet ist, alle gut drauf. Fleißig wird ron ausgeschnekt, Mittags gibt es einen Riesenteller mit Reis, Leber, Gemüse.

Im Laufe des Nachmittags geht das Grippe-Problem wieder los, Leonel meint, ich solle lieber ins Hotel zurück, Medizin einnehmen. Er rennt zur Straße, hält einen Touribus an, der zufällig vorbeikommt. Kurze Frage, für 1 $ nimmt der Fahrer mich mit bis zum Hotel Mayanabo. Ab aufs Zimmer, Medikamente eingenommen, Ruhe bis 01.00 Uhr nachts. Kurer Blick aus dem Badezimmer, im Rapido tobt das Leben. Also noch mal raus. Discos zwischen Tararaco und Mayanabo dicht, im Rapido ca. 10 billige Nutten, die üblichen Typen, die eben immer da herumlujngern. Von Joachim nichts zu sehen. Im Rumbos zwei Typen, langweilige Musik, nichts los. Weiter runter zur Disco. Drei Personen kommen mir entgegen, ich gucke gar nicht genau hin. Plötzlich ein lauter Schrei: Piiieeeter !!! Da steht sie vor mir, Daniela, meine große Liebe der letzten zwei Jahre. Sieht toll aus, langer, weißer Rock, dezent geschminkt, mir klappt der Unterkiefer herunter. Irgendwie wußte ich es, irgendwie. Sie würde kommen, aus Amancio, mich suchen, nicht anrufen.

Wie ein Film läuft es ab. Erstes Kennenlernen 1997, eine kurze schnelle Nummer am Strand, danach Abschied. Nach mehreren Monaten erhalte ich Briefe von ihr. 1999 komme ich zurück, verbringe die letzte Urlaubswoche in Amancio im Hause ihrer Eltern. Die kleine Tochter Taile betrachtet mich als Vater, die Familie nimmt mich auf. Ich richte ein Sparbuch für die Kleine ein, schicke zweimal Geld. Geld traf angeblich nie ein. Letzter telef. Kontakt mit ihr dann Juni 2000, danach Funkstille, für mich war die Beziehung beendet. Sie hatte die Info aus meinem letzten Brief, daß ich vom 5.1. - 19.1. in SL sein würde. Nun schaut sie mir tief in die Augen, lächelt mich an.

Ihre Begleitung, ein cubanisches Pärchen, spricht mich an. Der cubano kann deutsch. Ich sage gar nichts, bin schockiert, gehe langsam Richtung Rapido, die drei im Schlepptau. Im Rapido setzen wir uns, ich hole etwas zu trinken. Der cubano klärt mich auf. Daniela sucht mich seit 4 Tagen und Nächten, ihr Vater hätte ihren Bruder mitgeschickt um mich nach Hause zu holen. Alle würden auf mich warten, die ganze Familie. Geld aus Deutschland sei nie angekommen, Daniela sei hungrig, seit 2 Tagen nichts mehr gegessen.
Daniela würde nur mich lieben, ernsthaft

. Die weint inzwischen still vor sich hin. Ich renne zum Hotel rüber, hole die Reste von meinem Abendessen, die chicas hauen rein. Ich bin immer noch schockiert. Nach über einer Stunde Gespräch, der cubano übersetzt immer fleißig, vertrag ich mich mit Daniela. Sie hört auf zu weinen, kuschelt sich an mich, es ist kühl, ich lege ihr meinen Puullover um die Schultern. Immer wieder sagt sie, komm nach Hause, nach Amancio. Papa, Mama, Taile, alle warten auf Dich.
Tja, nun habe ich ein Problem: Rosi in Florida, Daniela jetzt hier in SL. ich soll mit nach Amancio. Ich muß eine Entscheidung treffen, jetzt und sofort.
Ich denke, das alles ist kein chica-Gequatsche, die liebt mich wirklich . Der cubano bestätigt mir das immer wieder. Er will die Fahrt organisieren. Ich sage zu, dann könne ich auch die Ungereimtheiten mit dem verschwundenen Geld (immerhin 300 $) klären, eine Menge Holz. Wir vereinbaren, gegen Mittag mit dem Taxi nach Amancio zu fahren. Es ist inzwischen 05.00 Uhr morgens, Daniela will mit einem Taxi zu ihrem Zimmer, sie hätte den Schlüssel, der Bruder käme nicht hinein. Ich gebe ihr Geld fürs Taxi, gegen 10.00 Uhr sei sie zurück. Ich zahle die Zeche für alle und wir verabschieden uns für einige Stunden.

Mit einem tiefen Kloß im Hals gehe ich auf mein Zimmer. Arme und Beine von Mückenstichen verwüstet, ich hatte es gar nicht bemerkt. Jetzt jucken die Stiche fürchterlich. Ich stelle mich unter die Dusche, hast Du nun die richtige Entscheidung getroffen oder nicht ?? Irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen. Mein zweites ich (Zwilling) beruhigt mich. Bleib ruhig und warte ab. Du hast eine Entscheidung getroffen. O.k. ich packe komplett meine Sache (ein großer Fehler) gehe um 08.00 Uhr zum Frühstück (wie gehabt). Danach zum Rapido, warten auf Daniela, den cubano, der mitwill, auf die Abreise.

Die zwei Stunden Warterei kommen wir ewig lange vor. Aber nichts tut sich. Gegen 10.30 Uhr kommt der cubano, völlig außer sich. Was ist los, wo ist Daniela, Mensch, klär mich auf. Dann die
Nachricht Nachricht, die mich umhaut: Daniela sei verhaftet worden , von der Polize aus Camagüey. Er wüßte nichts genaues, wolle sich schlau machen, man sagte ihm keinen Grund. Ich werde blaß im Gesicht, drehe fast durch. Immer wieder hatte ich ihr eingetrichtert, bleibe in Amancio, komme nicht nach SL zurück. Nun traf genau das ein, wovor ich immer panische Angst hatte. Der cubano versucht mich zu beruhigen, ich könne gar nichts machen, außer Warten, vielleicht kommt sie in einigen Tagen wieder frei. Ich verstehe gar nichts mehr, sie ist doch keine Professionelle, keine puta, nie aufgefallen, was soll das alles ??? Die Geschichten aus dem Forum gehen mir durch den Kopf, ich habe keine Chance, irgend etwas auszurichten, das wird mir schnell klar. Fuck the policemen, shit und noch mal shit. Der cubano haut ab, will nähere Infos besorgen. Ich verfluche Cuba, St. Lucia, die Polizei, aber was nützt es ? Nichts.

Was jetzt kommt, ist der Absturz für mich, Exzeß. Aus Frust beginne ich zu trinken, erst Bier, dann ron, reichlich. Sitze stumm herum, fange an zu grübeln. Früher Nachmittag inzwischen, kein cubano, keine Infos, keine Daniela, nichts. Um mich herum das normale nuttige Treiben. Kein Bekannter kommt, nichts. Gegen 16.00 Uhr bin ich ziemlich angetrunken, mich quatschen alle paar Minuten die chicas an. Die eine will unbedingt mit mir los. Mir ist jetzt alles egal. Scheiße, ich brauche Ablenkung. Rüber zum Tararaco, kurzes Gesopräch mit den custodios, ein Schein wechselt den Besitzer, 10 Minuten später bin ich mit der chica auf meinem Zimmer. An den Sex kann ich mich nicht mehr genau erinnern, ich glaube, wir beide gaben unser Bestes, aber das wars dann auch schon. Nach 2 Stundne hat die chica ab, no problemo, adios. Gegen 19.00 Uhr wieder rüber zum Rapido, immer noch kein cubano, immer noch keine Infos von Daniela. Also weiter volle Pulle, so muß sich ein Junkie auf dem Trip fühlen. Ich fühle mich schlecht, aber saufe weiter.
Irgendwann gegen 21.00 Uhr komme ich
mit einem cubano ins Gespräch , auch er kann ein wenig Deutsch. Lädt mich ein, seine Familie kennen zu lernen. Claro, gegen gute $ irgend eine chica vögeln, was wohl sonst ? Also ab mit ihm, es ist nicht weit vom Rapido, einige Blocks weiter auf der linken Seite. Dort die ganze Familie wach, irgendeine chica wird wachgerüttelt, kurze Vorstellung, ja, ja, geht schon in Ordnung, ja ich gehe mit ihr ins Bett. 15 $ für die Familie, na und, macht mich auch nicht ärmer und glücklicher, was solls.

Viel kann ich nicht mehr zustande gebracht haben, gegen 03.00 Uhr bringt mich der cubano zurück zum Tararaco. Ich bin leer, ausgepumpt und müde. Die custodios kenne ich, sind beide nett, noch ein bißchen Herumgelaber, danach ab aufs Zimmer. Gepäck checken. Erster Blick, alles o.k. Genaues Durchsuchen. Ach, sieh mal an. Ich Idiot, alles komplett fertig zu packen. Und das mir, im 6. Urlaub, na bravo! Es fehlt ein größerer Betrag in DM als auch in US $, geschickt geklaut, zudem einige persönliche Sache. Toll, denke ich, du Rindviech, werde schlagartig um einiges nüchterner. Raus, zu den custodios. Beide kommen mit auf mein Zimmer, ich erkläre ihnen den Diebstahl. Sie sind tief betroffen (muß ja während ihrer Wache passiert sein). Ob ich die Polizei holen wolle ? Was bringt mir das ? Die Kohle bekomme ich nicht wieder, ich habe die Schnauze voll von SL, dem ganzen Gesocks, bin stinksauer. Die custodios (einer spricht Deutsch) erklären mir, sie würden sofort entlassen, wenn ich die Polizei einschalten würde. So wie es aussieht, wäre es jemand vom Personal gewesen (die chica vom Nachmittag konnte es nicht gewesen sein, ich schlief nicht ein).

Plötzlich sieht der eine custodio das Bild von Rosi und ihren Kindern auf dem Nachttisch. "Das ist doch Rosa, aus Florida, oder ? Meine Schulfreundin, bist Du mit ihr zusammen, ist das Deine chica ?" Klar, das ist sie, sage ich. Er meint, eine phantastische Frau, die solle ich mal behalten. Ich weiß es und ich weiß auch, ich will jetzt so schnell wie möglich hier weg. Ruft meinen Taxifahrer in Florida an, er soll mich sofort abholen. Mitten in der Nacht ? Ich sage, mir ist das scheißegal, er soll losfahren, er ist mein Freund, ich könne ihn Tag und Nacht anrufen. Der eine custodio rennt los, telefonieren. Der andere, der Schulfreund von Rosa bittet darum, ihr einige Zeilen zu schreiben. (Fast eine Seite schreibt er, auch vom Diebstahl). Nach 15 Minuten kommt der andere wieder, taxista sei unterwegs.

Na also, wenigstens etwas klappt in dieser Scheißnacht.
Bis um 08.00 Uhr zermartere ich mir das Gehirn, warum und wie ich so beklaut werden konnte, vor allem so clever (will ich hier gar nicht näher erläutern, habe meine Gründe). Im Bett finde ich noch einen 20$-Schein, o.k. reicht für das Taxi zur Bank. Also rüber zum Rapido, dort treffe ich einige Bekannte. Ab mit dem Taxi zur Bank, neue Kohle getankt, zurück zum Hotel, um 08.30 Uhr nimmt mich mein taxista aus Florida in den Arm. Weiß schon über das Gröbste Bescheid (von den custodios). Auschecken, no comentario, no problema, adios, no hasta luego, adios forever ST und Tararaco. Taxista und ich rauschen ab. Ich klemme mir eine Pulle ron zwischen die Beine, taxista dreht volle Pulle den
Kassettenplayer an. Ich werde langsam ruhiger, finde wieder zu mir selbst. Abhaken, alles abhaken, was dort in den letzten Stunden passiert ist. Auch in Florida habe ich eine Familie. Bloß weg. Polizeikontrolle beim checkpoint: taxista muß raus, Papiere vorzeigen, ich solle nichts sagen. Er redet wie ein Wasserfall auf die beiden Bullen ein, quatscht irgend was von, das ist kein normaler Touri, ich wäre sein Freund, ich dürfe offiziell in Florida wohnen, ich wäre krank, bla bla, bla. Die Bullen fragen mich, ob ich spanisch spreche. Ich zucke mit den Schultern, niese, huste, gripa, no comprende. Die Bullen zucken mit den Schultern, winken uns weiter. Taxista lacht sich halbtot, haut mir auf die Schenke, Piiieeetter, fuck the policemen, er zeigt den Finger. Ich muß auch lachen, wir beide sind mit einem mal wieder gut drauf. Bis Camagüey erzähle ich ihm die ganze Story von SL, von den chicas, von Daniela, alles. Er nickt, dann will er wissen, wie das so ist, mit den chicas in SL, er würde ja auch gerne mal mit einer anderen, aber seine Frau sei höllisch eifersüchtig. Ich grinse, sage ihm, ich schenke Dir eine chica, aber die muß marmar binga mit Dir machen. Er bekommt glänzende Augen, wie, jetzt sofort, jetzt das Geschenk, es ist 10.00 Uhr morgens, wir sind gleich in Camagüey. Klar sage ich, das Geschenk gilt ab sofort. Er fährt wie ein Irrer durch Camagüey, der Lada ächzst und quietscht.

Nach ein parr Straßenzügen hält er an, befragt ein paar chicas, die da rumhängen. Claro, da und da, taxista gibt Gas und nach 10 Minuten sind wir am Ziel. Kurze Verhandlung mit zwei chicas, beide steigen in den Lada. Die für den taxista gedachte so um die 24 Jahre, die für mich gedacht wohl knappe 17. Nee, denke ich, zu jung, nicht am frühen Morgen. Aber für den taxista o.k. Er haut mir ihr ab, die andere Kleine wartet darauf, daß ich nach hinten komme. Ich bleibe aber sitzen und versuche ihr zu erklären, sie sei zu jung für mich, kein Interesse. Schniefen, kein US $. Mir egal. Nach 20 Minuten kommt taxista zurück, langes Gesicht. Hey Alter, was ist los ? Nur Bumsen, kein marmar binga. Aber gerade das wollte ich Dir doch schenken, oder ? Also los, zweiter Durchgang. Er nimmt die chica an die Hand, sie verschwinden wieder. Zweiter Versuch der Kleinen von hinten, aber zwecklos, nicht mein Fall. 15 Minuten später, taxista kommt wieder mit der anderen chica, strahlt übers ganze Gesicht. Na, alles claro ? Marmar binga phantastico !! Na also, klappt doch. Die chicas entschwinden mit 5 $. Wir weiter nach Florida.
Gegen Mittag sind wird da. Ganze Familie in heller Aufruhr, Peter ist zurück. Die Nachricht verbreitet sich im Viertel in Windeseile. Nachbarn kommen, Freunde, alle wollen wissen, wie es in SL war. Als ich bis auf die story mit Daniela alles erzähle, werden sie wütend. Scheiß-Landsleute, die klauen, Mafioso etc. pp. Na, für mich ist das abgehakt. Robertos Bruder schwingt sich aufs Fahrrad, nach einer halben Stunde kommt er mit Rosi zurück. Sie fällt mir in die Arme, ist überglücklich.
Ês ist Samstag, ich verbringe ein ruhiges Wochenende mit der Familie. Ich genieße Rosi, die Erlebnisse von St. Lucia verdränge ich, denke nicht daran. Zusammen mit Mama koch e ich für alle, Roberto und ich kaufen immer für PESOS auf dem Markt ein. Das Wetter bleibt bescheiden, nachts regnet es, tagsüber mal windig, wolkig, aber kein Karibik-Wetter. Die Grippe hält sich hartnäckig, die halbe Familie ist schon angesteckt. Sonntags trinken wir Grog, das kennen die natürlich nicht. Roberto und sein Bruder sind nach 3 Grogs völlig grocki, legen sich ab. Für mich eine wilkommene Gelegenheit, zusammen mit Rosi den ganzen Nachmittag auf meinem Zimmer zu verbringen. Keiner stört uns. Sonntags das gleiche ruhige Famnilienleben.

Am Montag wollen Roberto, Rosi und ich zum Tierarzt, Robertos Hund muß operiert werden. Der lange Weg wird immer länger, morgens hatte ich nur Schluck Kaffee getrunken. Beim Tierarzt bekomme ich Kreislaufprobleme und Angstzustände. Rosi holt einen Krankenwagen, der karrt mich mit Blaulicht ins Krankenhaus. Rosi ist bei mir, beruhigt mich, küßt mich andauernd, sie kennt alle Ärzte dort persönlich. Damit das Zittern aufhört, spritzt mir der Arzt Diazepan, der Blutdruck ist mit 220 nicht nur leicht überhöht (erzählt sie mir später). Auch dagegen bekomme ich ein Mittelchen. Nach ca. 1 Stunde kann ich raus, Roberto ist auch da, hat eine Pferdekutsche organisiert. Zurück zu Hause werde ich gepflegt von der ganzen Familie, besonders von Rosi, die sich aufopferungsvoll um mich kümmert, aber nicht aufdringlich, Sie mißt meinen Blutdruck, deckt mich zu, alle Stunde sieht sie nach mir. Ich weiß aus Erfahrung, es ist kein organisches Problem, eher im Vegetativen Bereich zu finden. Tja, der Exzeß in SL, die Aufregung, alles hat eben seinen Preis. Irgendwann macht der stärkste Körper nicht mehr mit und rebelliert. Eso es.

Ich verordne mir 3 Tage kompletten Alkoholentzug, Liebe mit Rosi ohne Ende und am Donnerstag bin ich wieder fit. Txista kommt, bleibt es bei Freitag früh 08.00 Uhr mit der Fahrt nach Holguin zum Flughafen ? Claro, er hätte seinen Lada komplett durchgecheckt, mit einer Panne sei nicht zu rechnen. Wann geht Dein Flieger ? 16.50 Uhr, sage ich. Taxista grinst, genügend Zeit.
Die letzte Nacht mit Rosi, super, wie all die anderen davor, dennoch etwas besonderes. Ich denke an ihre Familie, die wir besucht haben, alle in Ordnung, auch ihre Kinder. Ich denke an meine Familie hier in Florida, wann werde ich sie wiedersehen ? Ich denke auch an Daniela, hätte ich bleiben sollen, habe ich einen Fehler gemacht ? Ach was solls, das alles ist Cuba, that´s life.
Freitag früh 08.00 Uhr. Wir haben gefrühstückt, taxistag kommt pünktlich. Roberto und Rosi fahren mit, die ganze Familie weint dicke Krokodilstränen, Abschied ist schrecklich.

Bis Camagüey fährt auch die Ehefrau des taxista mit, wird bei Oma abgesetzt. Bis dahin keine Probleme. Hinter Camagüey 1. Panne, taxista baut den Vergaser auseinander, kippt einen guten Schluck ron hinein, den Roberto, Rosi und ich auf der Fahrt so Stück für Stück wegarbeiten. Anschieben, Karre springt. 2. und 3. Panne, es wird langsam Zeit für mich. 4. Panne, es sind noch 77 km bis zum Airport, es ist bereits 13.00 Uhr.
Ich gerate ins Schwitzen , was ist nun wieder los ? Benzinleitung kaputt. Taxista kümmert das wenig. Seelenruhig kramt er einen Benzinkanister aus dem Kofferraum, befestigt das Ding vorne am Rahmen der Beifahrertür, wo Roberto sitzt. Bringt einen Schlauch an, saugt, spuckt, legt eine Leitung zum Vergaser. Lada läuft, eine fahrende Bombe , jetzt bloß nicht rauchen.

Bis zum Airport darf er eigentlich, aber die Zeit drängt, was solls, gib Gas, fahr einfach hin. Am Airport werden wir sofort gestoppt. Taxistag, Roberto und Rose festgehalten, ich muß meinen Paß vorzeigen, der eine Bulle greift zum Telefon. Ich habe kaum Zeit, mich von den Dreien zu verabschieden. Rosi weint, Scheiße, ich muß doch los. Renne die letzten 700 meter bis zur Abfertigung mit meinem Gepäck, drehe mich nicht mehr um. Ich weiß nicht, was mit den Dreien passieren wird, hoffentlich keine Verhaftung. Scheiß-Kuba mal wieder, natürlich nur die Behördenscheiße, nicht die Menschen. Ich werde ordentlich abgefertigt, Gepäck ohne Probleme durch. Im Gepäck nur eine Kiste Zigarren (Geschenk von Roberto, Jubiläumskiste Cohibas vom Feinsten). Ich denke, puh, Alter, das wars jetzt, dein 6. Urlaub. Jetzt mal in Ruhe was Essen, Mama gab Hähnchenschenkel und Brot mit, dazu ein kühles Bier.

Plötzlich nehmen mich zwei Bullen unter die Arme, mitkommen. Was soll das, was ist los, was habe ich gemacht ? Check, lautet die knappe Antwort. Ich werde in ein Verhörzimmer geführt, dort wird mein Gepäck akribisch durchsucht. Paß gecheckt. Die Bullen finden nichts, gar nichts. Schmeißen alles wieder unordentlich in die Taschen. (Dabei war alles sauber gewaschen und gebügelt, ich könnte schon wieder ausrasten, bleib ruhig, Alter, Cuba, o.k. ??!!).
Nächste Frage: Haben Sie Alkohol getrunken ? Aha, der Bulle von vorne rief an, sah ja die leere Buddel im Lada, Nachtigall ich hör dir trapsen. Klar, sage ich, gestern Abschied gefeiert, was solls, ist doch normal, oder ? ich bin doch nicht voll. Die Bullen grinsen. Augenblicke später kommt ein baumlanger Arzt, spricht gut englisch. Do you have problem ? Ich bin kurz vor dem Ausrasten, ich brülle ihn an, nein, ich habe überhaupt kein Problem, nach 260 km Fahrt von Florida nach Holguin, 4 x Autopanne, meine Freunde wahrscheinlich verhaftet, ich werde durchgecheckt wie ein Verbrecher, nein ich habe überhaupt kein Problem. Der Arzt grinst, versteht mich. Vor seinem Zimmer sitz ein total besoffener Deutscher, kann nur noch lallen. Der fliegt bestimmt nicht mehr, denke ich. Der Arzt mißt meinen Blutdruck, 145, alles o.k., kein Problem mit dem Rückflug, gute Reise und Entschuldigung. Ich frage, was soll die ganze Scheiße ? Er zuckt mit den Schultern, er bekäme auch nur Anweisungen. Ich wäre o.k. Danke, adios.
In der Wartehalle treffe ich Joachim. Viel zu erzählen haben wir nicht, war nicht unser Fall, wir beide. Im Flugzeug sitzt er acht Reihen hinter mir, der mittlere Platz ist frei neben mir, aber er möchte lieber am Fenster sitzen. Feiner Kumpel, wußte ich doch.
Erst in Lübeck auf dem Hauptbahnhof schütteln wir uns kurz die Hände. Wir telefonieren mal, ja ? Adios, tschüß. Mit dem nicht mehr.
So, das war er nun, der Bericht. Kuba wie es leibt und lebt.
Jürgen

P.S. Einige Tage später rief ich Daniela an, 4 Tage saß sie im Knast, machte mir bittere Vorwürfe, heulte wie ein Schloßhund. Damit muß ich fertig werden.

(Von
Jürgen P.)