Analyse einer Diktatur


„Fidel Castro ist ein wahrer Hexenmeister“





Eliseo Alberto, 51, war auf Kuba ein angesehener Autor, als er 1990 nach Mexiko ging, um mit Gabriel García Márquez an einem Drehbuch zu arbeiten – und einfach blieb. Nach seiner Autobiografie „Rapport gegen mich selbst“ durfte er lange nicht nach Kuba reisen, was er inzwischen wieder kann und häufig tut. Er lebt in Mexiko-Stadt.

Interview: Sandro Benini
Herr Alberto, Fidel Castro hat wegen einer schweren Darmerkrankung erstmals seit 47 Jahren die Macht an seinen Bruder Raúl abgetreten. Was haben Sie gedacht, als Sie davon hörten?

Fidel Castro zeigt seit Jahren die Symptome eines unausweichlichen Vorgangs: Mit dem Altern lässt alles nach, die Körperkraft ebenso wie die Kraft des Geistes. Fidel war 32, als er die Macht ergriff. Ein langes, mächtiges und tyrannisches Leben. Ich war überrascht und bestürzt, als ich von seiner Operation erfuhr, und ich dachte an den kleinen Jungen, der ich war, als die Revolutionsarmee durch die Straßen meines Dorfes zog und ich zum ersten Mal den Namen Fidel Castro hörte.

Wer ist Raúl Castro? Was ist von ihm zu erwarten?

Raúl hat 50 Jahre lang im Schatten seines Bruders gestanden, ohne eigenes Licht. Ich glaube, er hat eine viel realistischere Vorstellung von dem, was in der kubanischen Gesellschaft wirklich vor sich geht. Deshalb wäre er wahrscheinlich bereit, ökonomische Reformen einzuleiten, um die Not der Bevölkerung zu lindern. Allerdings nur ökonomische Reformen, keine politischen. Aber sein Auftritt auf der Hauptbühne kommt wohl zu spät. 75 Jahre ist ein zu hohes Alter, um Kuba und die Revolution zu retten – oder das, was von ihr übrig bleibt.

Unter den Exilkubanern in Miami wird ernsthaft befürchtet, Fidel Castro sei unsterblich.

Ja, die Verbitterung über sein Ausharrungsvermögen ist bei einigen seiner Gegner so groß, dass sie bei esoterischen Erklärungen Zuflucht suchen. Ich habe in Miami Kubaner getroffen, die glauben, der ewige Comandante stehe unter dem zauberhaften Schutz der afrokubanischen Santería-Religion. Andere meinen, er sei schon mehrmals gestorben, habe sich jedoch klonen lassen, sodass jeweils ein Wiedergänger an seine Stelle tritt. Falls er nun in einigen Wochen oder Monaten wieder erscheint, werden sich diese Leute bestätigt fühlen.

Haben Sie eine andere Erklärung für die Dauerhaftigkeit seiner Macht?

Für die meisten heute lebenden Kubaner war Fidel Castro einfach schon immer da. Er ist zu einem organischen Bestandteil des Landes geworden. Die Kubaner werden wohl den langen Rest des 21. Jahrhunderts damit verbringen, über die Gründe und die Auswirkungen von Castros Herrschaft zu debattieren – eines Mannes notabene, von dem kaum jemand weiß, mit wem er verheiratet ist und wie viele Kinder er hat. Von dem fast keiner eine Ahnung hat, wo er wohnt. Von dem im Grunde niemand irgendetwas weiß. Aber all dies gehört zu seinem ebenso rätselhaften wie einschüchternden Charisma. Hinzu kommen sein politischer Instinkt, seine Skrupellosigkeit, seine sagenhafte Sturheit. Und nicht zuletzt ein geradezu unwahrscheinlich anmutendes Glück. Fidel Castro ist ein wahrer Hexenmeister.

Was treibt diesen Hexenmeister im Innersten an?

Den unbedingten Willen zur Macht.

Haben Sie ihn persönlich kennengelernt?

Ja, während einer von Fidels Reisen nach Nicaragua, als 1980 die Sandinisten den ersten Jahrestag des Sieges über den Diktator Somoza feierten. Ich nahm als Journalist an der Reise teil. Bei einer Grillparty auf der luxuriösesten Farm, die ich jemals gesehen habe, saß ich drei Plätze von Fidel entfernt am Tisch. Ich beobachtete seine ausdrucksstarken Hände, die er beim Reden immer wieder zur Faust ballte und auf den Tisch fahren ließ, als würde er eine unumstößliche Wahrheit verkünden oder ein Urteil fällen. Er erzählte von den unzähligen Attentaten, denen er in seinem Leben entgangen war. Ein paar Tage später näherte ich mich ihm bei einem Empfang in Managua. Er sprach mit dem Dichter und Geistlichen Ernesto Cardenal, der damals Nicaraguas Kulturminister war. Fidel warf mir einen misstrauischen Blick zu und sagte, er habe Cardenal soeben um einen unumstößlichen Beweis für die Existenz eines Lebens nach dem Tod gebeten. Doch als Cardenal antworten wollte, schnitt Fidel ihm mit einer raschen Geste das Wort ab und verkündete halb im Ernst und halb im Scherz, dass er sich bei all seinen Feinden noch im letzten Zirkel der Hölle vorsehen müsse.

Sie waren auf Kuba ein angesehener Journalist und Schriftsteller. Warum haben Sie das Land verlassen?

Weil ich nicht wollte, dass meine Tochter in einem totalitären System aufwächst. 1989 lud mich Gabriel García Márquez nach Mexiko ein, um an einem seiner Film- und Fernsehprojekte mitzuarbeiten. Ich beschloss, nicht mehr nach Kuba zurückzukehren und erhielt zunächst einen privilegierten Status: Man erlaubte mir, im Ausland zu bleiben und nach Belieben die Insel zu besuchen. Für die kubanischen Behörden lebte ich nicht im politischen Exil, ich galt als Auswanderer. Nach dem Erscheinen meines Buches „Rapport gegen mich selbst“, in dem ich meine Zeit auf Kuba schildere, änderte sich dies allerdings schnell.

Was war denn die offizielle Reaktion?

Ich wurde hier in Mexiko City auf die kubanische Botschaft zitiert und man sagte mir, dass ich ein Verräter sei, ein subversives politisches Element. Fortan dürfe ich nur noch in absoluten Notfällen nach Kuba zurück – zum Beispiel, wenn ein enges Familienmitglied im Sterben liege. Und auch dann könne es Wochen oder sogar Monate dauern, ehe ein Visum ausgestellt sei. Der zuständige Konsul war sehr nett, ich hatte das Gefühl, als würde ihm die ganze Geschichte leidtun.

Sie wurden einer jener Exilkubaner, die sich in unentwegter Sehnsucht nach der Insel verzehren.

Ja, allerdings. Nach einiger Zeit verlangte ich den Konsul zu sehen. Ich sagte ihm, der absolute Notfall sei eingetreten, jemand in meiner Familie liege im Sterben. Auf die Frage, um wen es sich handle, antwortete ich: „Um mich selbst. Wenn ich nicht nach Kuba zurück kann, sterbe ich.“ Das klinge zwar reichlich verrückt, sagte er, aber wenn ich es wünsche, würde er mein Anliegen genau so an die Behörden in Havanna weiterleiten. Danach dauerte es drei Jahre, ehe ich die Erlaubnis zur Wiedereinreise erhielt. Ich entstamme einer bekannten kubanischen Künstlerfamilie, mein Vater Eliseo Diego war einer der berühmtesten Dichter des Landes. Das hat sicher geholfen.

Wie schätzen Sie die kubanische Revolution ein?

Im Unterschied zu vielen anderen, die später ins Ausland geflüchtet sind, war ich niemals ein glühender Anhänger der Revolution. Ich habe erlebt, wie Studienkollegen von der Universität geschmissen wurden, weil sie homosexuell waren oder die Beatles hörten. Ich habe Freunde, die in einen sinnlosen Krieg nach Angola geschickt wurden und verstümmelt oder gar nicht zurückkehrten. Andererseits gibt es in der kubanischen Exilgemeinde diese Radikalkritiker, die kein gutes Haar an der Revolution lassen. Die behaupten, Fidel Castro würde jeden Tag zum Frühstück ein Kind verspeisen. Ich vertrete eine versöhnlichere Haltung.

Die kubanische Revolution hat auch positive Seiten?

Ja. Sie hat in ihrer Anfangszeit eine gewisse soziale Gerechtigkeit geschaffen. Und selbst wenn es abgedroschen klingt: Das Bildungssystem und das Gesundheitswesen sind Errungenschaften, auf die die Kubaner auch nach einem Systemwechsel nicht verzichten werden wollen. Außerdem habe ich schöne Erinnerungen: Als meine Generation um die 20 Jahre alt war, ließ Castro die Zügel etwas schleifen, das Land erlebte einen Moment künstlerischer Kreativität: Kino, Kunstateliers, Literatur, die Sänger Pablo Milanés und Silvio Rodríguez und vieles mehr. Es war eine Art verrücktes Fest, und wir vergnügten uns königlich. Dass Tausende politische Gefangene in den Kerkern saßen, wussten wir nicht. Oder wir wollten es nicht wissen.

Rechtfertigen es die von Fidels Verteidigern immer wieder erwähnten Erfolge in den Bereichen Bildung und Gesundheit, eine Diktatur aufrechtzuerhalten?

Als vor kurzem der Kapitän eines kubanischen Fischerbootes auf Teneriffa um politisches Asyl bat, wurde er von einem Reporter des anticastristischen US-Senders Radio Martí interviewt. Auf das Bildungssystem angesprochen, sagte der Fischer: „Die Schulen in Kuba sind allen zugänglich, und die Ausbildung ist hervorragend. Ich entstamme einer armen Familie, aber mein Enkel ist heute Atomingenieur.“ Zum Gesundheitswesen sagte er, die medizinische Versorgung auf Kuba sei für ein lateinamerikanisches Land vorbildlich. Die Irritation des Reporters wuchs von Sekunde zu Sekunde, denn das Interview war live, und er hatte es in der Annahme begonnen, mit einem überzeugten Castro-Gegner zu sprechen. „Wenn es auf Kuba so großartig ist – warum zum Teufel haben Sie dann auf Teneriffa um politisches Asyl gebeten?“, fragte er den Fischer, und dieser antwortete: „Weil man im Leben nicht immer krank oder am Lernen ist.“

Eine gute Antwort.

Ich erzähle Ihnen eine weitere Episode. Gerade war der Rektor einer kubanischen Universität hier zu Besuch, wobei er sich mit Amtskollegen von mexikanischen Hochschulen traf. Irgendwann fiel das Gespräch auf die Entlohnung, und jeder verriet, wie viel er verdient. Bei einem der Mexikaner waren es 12.000 Dollar, der kubanische Rektor hingegen sagte, er beziehe ein monatliches Gehalt von 60 Dollar. „Das unentgeltliche kubanische Schulsystem kostet mich also genau 11.940 Dollar im Monat“, fügte er mit bitterer Ironie hinzu. „Die vom Staat finanzierte Ausbildung bezahle ich durch meinen erbärmlichen Lohn ein Leben lang mehrfach zurück.“

Nach wie vor gibt es auf Kuba keine politischen Freiheiten, einem großen Teil der Bevölkerung geht es wirtschaftlich schlecht, Havanna verwandelt sich zusehends in eine Ruine.

Eine der großen Lügen, die Fidel der Welt aufgetischt hat, lautet: Die Kubaner sind tapfer und heldenhaft. Dabei sind wir ein faules und verantwortungsloses Volk. Was uns begeistert, sind nicht Pflicht und Arbeit, sondern der Rum, der Tanz, das Baseballspiel. Wir verschieben alles auf morgen. Kuba war das erste lateinamerikanische Land, das die Spanier kolonialisierten und das letzte, das sich die Unabhängigkeit erkämpfte. Fidel Castro genügte eine Handvoll Männer, um sich gegen die überwältigende militärische Übermacht seines von den USA unterstützten Vorgängers Batista durchzusetzen. Auch wenn es etwas böse klingt: Der Kampf liegt uns nicht. In meinem Land herrscht eine alles durchdringende Angst, etwas zu tun oder zu sagen, das einen irgendwie in Gefahr bringen könnte. Risiken sollen andere auf sich nehmen, selber bleibt man lieber in Deckung.

Der fast fünfzigjährigen Herrschaft Castros muss noch anderes zugrunde liegen als nur die von Ihnen behauptete Faulheit des kubanischen Volkes.

Natürlich. Etwa die Tatsache, dass nach dem Sieg der Revolution fast die ganze Oberschicht und so ziemlich alle Unternehmer blitzartig in die Vereinigten Staaten flüchteten und in ihren Hotelsuiten hofften, die Amerikaner würden dem Spuk des Bärtigen ein schnelles Ende setzen. Gleichzeitig ließ Castro jede Menge tatsächlicher oder vermeintlicher Regimegegner erschießen, nach Ansicht einiger Historiker über 2000. So wurde er in kurzer Zeit die interne Opposition los, und es fiel ihm relativ leicht, seine Macht zu festigen. Von der Massenflucht möglicher Oppositioneller und Unzufriedener profitiert er bis heute.

Erinnern Sie sich an ein persönliches Erlebnis, das den Zustand Kubas auf den Punkt bringt?

Als ich während meiner letzten Kubareise bei einem Freund zu Hause war, ging wie so oft das Licht aus. Plötzlich begann das ganze Viertel inmitten der Dunkelheit zu brüllen: „Nieder mit Batista!“ Natürlich dachten dabei alle: „Nieder mit Fidel!“ Und jeder wusste, dass der Nachbar dasselbe dachte. Aber welcher Polizist kann einem etwas anhaben, wenn man Castros Erzfeind aus den 50er-Jahren zum Teufel wünscht?

Wirkt es nicht wie eine bittere Ironie der Geschichte, dass Castro gegenwärtig in Lateinamerika so beliebt ist wie seit langem nicht mehr?

Allerdings. Offensichtlich wagen es selbst der brasilianische Präsident Lula und der argentinische Präsident Kirchner nicht, Fidel zu kritisieren. Dazu ist seine Figur zu groß, zu mythisch. Zumindest für die lateinamerikanische Linke, die in ihrem Hass auf die USA bereit ist, diesem hartnäckigsten Widerspieler des sogenannten Gringo-Imperialismus jede Menschenrechtsverletzung zu verzeihen. Der lateinamerikanische Antiamerikanismus ist ein weiterer Grund für Fidels Überlebensfähigkeit – ebenso wie die unfassbare Dummheit der USA im Umgang mit Kuba. Aber es ist wirklich phänomenal, wie viel Glück dieser Bursche hat. Er hat so viele Attentate überlebt, dass seine Biografen die Übersicht verloren haben. Und zehn Jahre, nachdem ihm die Sowjetunion mit ihrer Unterstützung weggebrochen ist, erscheint Hugo Chávez. Genau so ein Verrückter wie Fidel, aber einer, der dank des hohen Erdölpreises im Geld schwimmt und die Rolle des Sponsors der Revolution übernimmt.

Castro hat auch die Unterstützung zahlreicher europäischer Intellektueller.

Die Intellektuellen sind ein Saupack.

Darf ich das so zitieren?

Aber sicher. Abgesehen davon ist es für niemanden leicht einzugestehen, dass er ein Leben lang im Irrtum war; dass er ein Leben lang für ein falsches oder zumindest ein nicht zu verwirklichendes Ideal gekämpft hat. Für viele Intellektuelle in Lateinamerika und Europa war eine bessere Welt nur durch die Abschaffung des Kapitalismus zu realisieren. Dann erweist sich all dies plötzlich als großer politischer Fehler und zugleich als individuelle Lebenslüge, und das einzige Überbleibsel dieses Ideals ist ein Typ namens Fidel Castro. Die Verkörperung eines romantischen Traums, an den sie ihr Leben verschenkt haben.

Sie sagten, Raúl Castro sei offen für wirtschaftliche Reformen. Gibt das nicht Anlass zur Hoffnung?

Kaum. Im Grunde ist Fidel in seinem Spitalbett ebenso mächtig wie in seinem Büro. Keiner aus dem inneren Zirkel der Macht wird es wagen, einen mutigen Schritt zu tun, solange der Comandante noch atmet. Auch Raúl nicht.

Und wenn Fidel stirbt?

Fidels Tod wird das Ende der kubanischen Revolution sein, denn kein anderer Politiker auf der Insel hat die Statur, um seine Nachfolge anzutreten. Kuba ist ein wirtschaftlich zerstörtes Land, und ich sehe weder im Innern noch im Exil eine Figur, die einen geordneten Übergang zu einer demokratischen Marktwirtschaft garantieren könnte. Vielleicht wird sich Raúl mit Hilfe der Armee eine Zeit lang an der Macht halten, aber irgendwann gibt es wahrscheinlich ein Chaos. Das Schlimmste wäre, wenn das Land den großen mexikanischen Drogenkartellen in die Hände fiele. Attraktiv genug ist es ja, wegen seiner geografischen Nähe zu den Vereinigten Staaten. Ich befürchte, genau das wird geschehen.

(http://www.tagesspiegel.de/politik/archiv/13.08.2006/2688833.asp)



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